Einführungsrede zur Ausstellung „Compositions 01“ von Anja Bauer-Kersken M. A. – Museum Mülheim

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Gerne bin ich der Einladung von Renate Moltrecht gefolgt, heute zur Eröffnung der ersten Ausstellung der neuen Reihe „Compositions“ die einführenden Worte zu sprechen.

Neugierig habe ich mich daher vor einigen Tagen auf den Weg hierhin – ins Atelier von Gabriele Kaiser-Schanz – gemacht, um einen ersten Einblick in die Ausstellung zu erhalten und mich mit den Arbeiten vertraut zu machen, die nun in Gegenüberstellung präsentiert werden.

Vieles gibt es in den Werken der „Hausherrin“ und des britischen Künstlers Duncan Wright zu entdecken, wenn man in die tieferen Bildschichten vordringt, Querverbindungen erkennt und der assoziativen Wahrnehmung freien Lauf lässt. Organische Strukturen, Erinnerungsmuster, Wandlungsprozesse, Verknüpfungen, gesammelte Formen und bildnerische Konstruktionen stellen eine gemeinsame Klammer dar.

Während Gabriele Kaiser-Schanz interdisziplinär und medienübergreifend in größeren Werkzusammenhängen arbeitet, die sowohl Objekte, Installationen als auch Performances umfassen, liegt der Schwerpunkt bei Duncan Wright, in der Malerei. Sein Studium hat er am renommierten Central St. Martin‘s College und am Royal College of Art in London als Schüler von Peter Doig absolviert. Seit noch nicht allzu langer Zeit lebt er in Deutschland und hat sein Atelier in Essen-Werden. Erstmals sind mir seine Werke Anfang 2016 begegnet, im Rahmen der „Jahresausstellung“ im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr.

Wrights Bilder, die er hauptsächlich in Öl malt, bestechen durch eine ganz eigene Farbwirkung: warme, pastellige Töne, matte Oberflächen mit bewusst gesetzten Glanzpunkten, die seine Motive in ein flirrendes, nostalgisches Licht tauchen. Erinnerungen werden wach an längst vergangene Zeiten oder vertraute Orte, Erinnerungen, die tief vergraben sind in unserem Gedächtnis. Aber ist es so wie es scheint?

Titelgebend für Duncan Wrights ausgestellte Serie aus Ölgemälden und Mixed Media-Arbeiten, ist der bekannte Song „These Foolish Things – remind me of you“, der in 2

verschiedensten Versionen von Jazzgrößen wie Benny Goodman, Frank Sinatra oder auch Jane Birkin interpretiert wurde. Die im Text dieser melancholischen Ballade aufgezählten Dinge stehen in Verbindung mit einem ehemaligen Partner, der durch die Erinnerung weiterhin präsent ist.

Daran anknüpfend ist zunächst eine Reihe von Collagen entstanden: Duncan Wright hat dazu zufällige Fundstücke unterschiedlichster Materialen, Bilder und Textfragmente intuitiv zusammengestellt und in einem langwierigen Verfahren Schicht um Schicht in Kunstharz – teilweise mit Pigmenten versetzt – eingegossen: diese quasi konserviert, festgehalten für die Ewigkeit, vergleichbar mit pflanzlichen und tierischen Einschlüssen in Bernstein als Spuren einstigen Lebens.

Jedes einzelne Element, eingeschlossen im transparenten, ausgehärteten Medium, umgeben von malerischen Farbschlieren, steht erst einmal für sich, ist aus einem anderen Kontext genommen und hat für den Künstler eine besondere Bedeutung; so wie die versteckten Auszüge aus Gedichten des englischen Lyrikers Philip Larkin, die ihn stets inspirieren. Miteinander kombiniert, ergibt sich jedoch ein neuer Zusammenhang, eine neue Erzählung aus Worten und Dingen.

Die meist idyllischen, menschenleeren Landschaften seiner Collagen, in denen sich zwischen scherenschnittartigen, wie Schatten wirkenden Pfanzensilhouetten – Bäumen, Gräsern und Blumen – allerlei Getier – Vögel, Insekten, gar ein röhrender Hirsch – tummeln, hat Duncan Wright für seine Ölgemälde überarbeitet, zugeschnitten, gespiegelt und in ein größeres Format überführt. Transformation.

Diese Landschaftsdarstellungen erscheinen uns bekannt und doch seltsam entrückt, zumal die Figuren in einem undefinierbaren Raum schweben und ein Horizont zur Orientierung fehlt. Eine Verortung ist daher kaum möglich, allerdings taucht als wiederkehrendes Motiv hier und da ein Aussichtsturm auf: Was wird beobachtet? Was wird gesucht? In die Weite blicken? Wohin?

Auch wenn die Bilder beim Betrachter eigene Erinnerungen hervorrufen, handelt es sich um „Konstruktionen“ imaginärer Orte, wie Traumsequenzen, die in der realen Welt nicht vorhanden sind. Nur in unserem Geist, in unserer Fantasie. Und hier finden sich Bezüge zur Erkenntnistheorie Arthur Schopenhauers, der in seinem 1819 erschienenen Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ die These aufstellt, dass die Außenwelt, Dinge und Begebenheiten nur in unserer subjektiven Wahrnehmung existieren. Was ist also 3

Darstellung? Was ist Wirklichkeit? Auch um diese philosophischen Fragestellungen kreist Duncan Wrights malerischer Kosmos.

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DATE4th July, 2016

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